Der Junge im Spiegel ist immer gleich alt: fünf Jahre. Ich bin fünfunddreißig und sehe meiner Mutter jeden Tag ähnlicher, aber er bleibt derselbe. Heute Morgen, als ich mir die Zähne putzte, berührte er das Glas und hinterließ einen Abdruck. Und in dem Abdruck stand ein Wort: Wach auf.
Ich sehe ihn seit fünfundzwanzig Jahren. Das erste Mal war in der Nacht des Unfalls, obwohl ich mich nicht genau daran erinnere. Ich weiß nur, dass ich in meinem Bett aufwachte, mit einem Verband am Kopf und einem dumpfen Schmerz im Nacken, und da war er, auf der anderen Seite des Kleiderschrankspiegels, und sah mich mit Augen an, so dunkel, dass sie wie bodenlose Abgründe wirkten. Ich schrie nicht. Ich hatte keine Angst. Nur eine seltsame Ruhe, als hätte ich mein ganzes Leben auf ihn gewartet.
„Wer bist du?“, fragte ich ihn, und meine Stimme klang tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte.
Er lächelte, antwortete aber nicht. Er legte den Finger an die Lippen und verschwand.
Im Laufe der Jahre lernte ich, mit seiner Anwesenheit zu leben. Er erschien in den Spiegeln jedes Hauses, in dem ich wohnte: im Badezimmer meiner Teenagerjahre, im Ganzkörperspiegel meiner ersten Wohnung, im Spiegel in der Lobby meines Büros. Er sprach nie, er starrte mich nur mit einer Intensität an, die mir das Gefühl gab, beobachtet, durchleuchtet zu werden, als warte er darauf, dass ich etwas tat, was ich noch nicht konnte.
Meine Mutter sagte, er sei ein Produkt meiner Fantasie, ein unsichtbarer Freund, der zu lange geblieben war. Mein Vater, der kaum zu Hause war, erwähnte ihn nie. Aber ich wusste, dass er real war. Denn wenn er mich ansah, spürte ich ein Echo in meiner Brust, eine Art Sehnsucht nach etwas, das ich nicht verloren hatte.
Ich heiratete Daniel mit 26 Jahren. Wir bekamen zwei Kinder: Martín, sieben, und Clara, vier. Mein Leben war perfekt, zumindest dachte ich das. Aber der Junge war immer noch da, jeden Morgen, jeden Abend, mit seinem unveränderten Lächeln und dem Finger, der auf etwas zeigte, das ich nicht sehen konnte.
Eines Abends, nachdem ich die Kinder ins Bett gebracht hatte, stand ich vor dem Badezimmerspiegel und beobachtete ihn. Er war da, wie immer, aber diesmal waren seine Wangen von Tränen verklebt. Er bewegte die Lippen und flüsterte ein Wort, das ich nicht lesen konnte. Langsamer wiederholte er es: „Du bist es nicht.“
„Was meinst du?“, flüsterte ich mit zitternder Stimme.
Doch er verschwand, und an seiner Stelle sah ich mein eigenes Spiegelbild, mit dunklen Ringen unter den Augen und zerknittertem Pyjama. Einen Moment lang erkannte ich die Frau im Spiegel nicht. Ihre Haare waren kürzer, ihre Gesichtszüge schärfer, und sie hatte eine Narbe an der Schläfe, an die ich mich nicht erinnern konnte.
Ich berührte meine Schläfe. Da war keine Narbe. Aber das Spiegelbild hatte eine.
Am nächsten Tag ging ich zum Arzt. Ich erzählte ihm von dem Jungen, der Narbe, dem Wort, das ich auf den Spiegel geschrieben hatte. Er verschrieb mir Beruhigungsmittel und empfahl mir einen Psychologen. Ich nahm die Tabletten zwei Monate lang, aber der Junge verschwand nicht. Im Gegenteil, er wurde immer aufdringlicher. Er begann, Botschaften in den Kondenswasserfilm auf dem Spiegel zu schreiben: „Schau unters Bett“, „Frag deine Mutter“, „Das Krankenhaus“.
Das Krankenhaus. Dieses Wort traf mich wie ein Schlag in die Magengrube, denn plötzlich erinnerte ich mich an etwas, das ich tief in meinem Gedächtnis vergraben hatte: ein weißes Zimmer, Schläuche, das ständige Piepen eines Monitors. Und eine Stimme, die meiner Mutter, die sagte: „Wach auf, Tochter. Bitte, wach auf.“
In dieser Nacht, während Daniel schlief, ging ich in den Keller und durchsuchte die alten Kisten. Ich fand ein Fotoalbum aus meiner Kindheit, und als ich es aufschlug, bemerkte ich, dass viele Seiten fehlten. Dort, wo die Fotos aus meiner frühen Kindheit hätten sein sollen, klafften Lücken. Ich fand auch ein Krankenhausarmband mit meinem Namen, aber das Datum war von vor fünfundzwanzig Jahren, als ich zehn war. Genau wie der Junge im Spiegel.
„Mama“, rief ich am nächsten Tag meine Mutter an, das Telefon ans Ohr gepresst, mein Herz bis zum Hals hämmernd, „was ist passiert, als ich zehn war?“
Stille. Dann ein Seufzer, so lang, dass er mir endlos vorkam.
„Du hattest einen Unfall, mein Schatz. Du wurdest beim Überqueren der Straße von einem Auto angefahren. Du lagst lange im Koma.“
„Wie lange?“
„Zehn Jahre.“
Die Welt stand still. Zehn Jahre im Koma. Ich war mit zwanzig aufgewacht, mit einer verschwommenen Erinnerung, und meine Mutter hatte mir erzählt, dass ich krank gewesen war, aber sie hatte nie vom Koma gesprochen. Nie vom Krankenhaus.
„Und der Junge?“, fragte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Welcher Junge?“
„Der, den ich im Spiegel sehe. Der, der immer fünf ist.“
Meine Mutter brach in Tränen aus. Dann erzählte sie mir die Wahrheit: Der Junge war mein jüngerer Bruder, fünf Jahre alt, als ich den Unfall hatte, und er war gestorben, als er versuchte, mich zu retten, indem er mich vor dem Auto wegschubste. Ich konnte mich nicht an ihn erinnern. Mein Gedächtnis hatte das Trauma verdrängt. Aber er hatte all die Jahre versucht, aus dem Jenseits mit mir zu kommunizieren, um mir etwas Wichtiges mitzuteilen.
Doch es gab einen Teil der Geschichte, den meine Mutter nicht kannte oder mir nicht erzählen wollte. In jener Nacht, als ich ihre alten Unterlagen durchsah, fand ich einen Brief an mich, geschrieben von meinem Bruder vor seinem Tod. Darin stand: „Schwester, ich liebe dich. Vergiss mich nicht, wenn du aufwachst. Ich werde immer bei dir sein, auch wenn du mich nicht sehen kannst.“
Am nächsten Tag ging ich in das Krankenhaus, in das er eingeliefert worden war.