Draußen klopfte es wieder.
Dreimal.
Scharf.
Als würde der Klopfende nicht um Erlaubnis bitten, sondern Besitz beanspruchen.
„Barrett!“, rief die Stimme. „Mach auf, Junge. Ich weiß, dass du da bist.“
Elias wurde kreidebleich.
Clara erkannte die Stimme.
Mr. Mason Aranda.
Der Besitzer der örtlichen Bank. Der Mann, der bei der Hochzeit gelächelt hatte, als sein Vater den Kreditvertrag unterschrieb. Derselbe Mann, der die fünfzig Dollar auf den Tisch geworfen hatte, als würde er eine magere Kuh auf dem Markt kaufen.
Clara umfasste das kleine Stück Kupfer mit dem Tuch. Es trug eine Gravur: eine zerbrochene Glocke, durchbohrt von einem Dorn.
Sie hatte es schon einmal gesehen.
Nicht in der Kirche.
Nicht in der Bank.
Auf Masons Ring.
Elias versuchte, sich aufzusetzen, aber der Schmerz war unerträglich. Ein Rinnsal Blut rann ihm den Hals hinunter. Trotzdem nahm er mit zitternden Fingern den Notizblock und schrieb ein einziges Wort, das Clara atemlos las.
„Ihn.“
Die Tür knarrte unter einem Stoß.
„Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit“, sagte Mason. „Ich bin wegen meiner Rinder hier. Und wegen des Mädchens, falls sie endlich kapiert, dass sie hier erfrieren wird.“
Clara spürte, wie die Demütigung der Hochzeit wieder in ihr aufstieg, doch diesmal kam sie nicht allein. Sie kam mit Wut.
Sie griff nach dem alten Gewehr, das über dem Kamin hing.
Sie konnte nicht schießen.
Aber das musste Mason nicht wissen.
Als er die Tür öffnete, wehte ein schwerer Wind, der Schnee und Kiefernasche trug. Mason war in einen dicken, dunklen Mantel gehüllt, hinter ihm standen zwei Männer. Einer war Julian, der Metzger, der Elias ein Monster genannt hatte. Der andere war Bart, der Vorarbeiter der unteren Ranch.
Mason lächelte, als er das Gewehr sah.
„Na, sieh mal einer an. Das pummelige Mädchen hat es faustdick hinter den Ohren.“
Clara zeigte direkt auf seine Brust.
„Mach nur einen Schritt, und ich begrabe dich unter dem Schnee.“
Die Männer lachten, rührten sich aber nicht.
Mason kniff die Augen zusammen. Dann sah er das Blut an Claras Ärmel, die dampfende Augenhöhle auf dem Tisch und die weggeworfene Pinzette.
Sein Lächeln verschwand.
„Was hast du getan?“
Clara antwortete nicht.
Elias hob vom Boden die Hand und zeigte direkt auf Masons Ring.
Der Banker versteckte seine Hand unter seinem Mantel.
Zu spät.
„Das hast du ihr an den Kopf gehalten“, sagte Clara.
Julians Lachen verstummte.
Mason blickte Clara mit kalter Verachtung an, die viel gefährlicher war als sein Spott.
„Mädchen, es gibt Dinge, die du nicht verstehst.“
„Dann erklär sie mir, bevor du so laut schreist, dass man mich bis nach Jericho hört.“
„Niemand kommt“, sagte er. „Diese Berge verschlucken Schreie.“
Er hatte Recht.
Draußen bogen sich die Kiefern unter dem Schnee. Weiter entfernt lagen die schwarzen Schluchten, tief wie ein Tiermaul, und die Straßen ins Tal waren von Eis begraben. In diesem Land konnte eine Frau vor Tagesanbruch verschwinden, und die Stadt würde einfach sagen, der Frost habe sie dahingerafft.
Aber Clara hatte ihr ganzes Leben schon vermisst gelebt.
Und heute Nacht würde sie kein Schatten mehr sein.
Mason gab ein Zeichen.
Bart trat vor.
Clara drückte ab.
Der Schuss zerriss die Nacht.
Er traf Bart nicht. Die Kugel traf einen Kupfertopf, der hinter ihm hing, und klang wie eine Totenglocke. Die Pferde erschraken. Bart fiel rückwärts in den Schnee und schrie, als wäre er schon tot.
Julian rannte davon.
Mason fluchte.
Clara schloss die Tür und warf die schwere Holzstange hindurch.
Elias starrte sie fassungslos an.
Auch sie war fassungslos.
Ihre Beine, Arme und sogar ihr Mund zitterten. Doch sie stand noch.
„Wir gehen“, sagte sie, obwohl er sie nicht hören konnte.
Sie schrieb schnell in den Notizblock:
„In die Stadt. Sofort.“
Elias schüttelte den Kopf.
Er nahm den Bleistift.
„Sie werden uns unterwegs umbringen.“
Clara betrachtete das Stück Kupfer. Dann das schwarze Ding im Wasser, noch lebendig, noch immer zappelnd.
„Dann nehmen wir die Straße nicht.“
Elias starrte sie lange an. Dann deutete er auf die raue Wildnis.
Clara verstand.
Die alten Pfade der Ureinwohner.
In Jericho sprachen alle von diesen Pfaden, als wären sie Hexerei. Schmale Pfade, auf denen sich die Menschen wie Hirsche fortbewegten, Säcke mit Mais beladen, über schroffe Grate, die jeden Normalsterblichen zum Stolpern gebracht hätten. Alte Wege, die weder Wagen noch den Befehlen reicher Männer folgten.
Elias rappelte sich mühsam auf.
Clara wickelte ihm ein sauberes Tuch um den Kopf und versteckte das Kupferstück in ihrem Mieder. Dann sammelte sie Zwieback, Bohnen, eine Handvoll getrocknetes Maismehl, das Elias in einem Segeltuchsack aufbewahrt hatte, und eine dicke Decke.
Bevor er ging, hob er eine lose Diele unter dem Bett an.
Er zog eine kleine Holzkiste heraus.
Darin befanden sich vergilbte Papiere, ein altes Foto und ein Stück blaues Band.
Clara sah einen schwarzhaarigen Jungen, der eine junge Frau umarmte. Die Frau hatte Elias’ Augen.
Auf der Rückseite des Fotos stand:
„Für meinen Sohn, Besitzer von Pine Springs.“
Clara fühlte einen Stich ins Herz.
Pine Springs war kein gewöhnlicher Ort. Es war die natürliche Quelle, die durch die Schlucht floss, die einzige, die niemals versiegte.
Selbst in den heißesten Sommern war Elias’ Ranch nicht wegen der Kühe oder des Hauses wertvoll.
Sie war wertvoll wegen des Wassers.
Und Mason wusste das.
Elias steckte die Papiere in seine Hemdtasche.
Sie schlüpften durch den Hinterausgang, gerade als Mason noch am Haupttor schrie. Der Schnee peitschte ihm ins Gesicht. Die Hunde im Pferch bellten, aber Elias gab ihnen ein Handzeichen, und sie verstummten.
Sie gingen zwischen Kiefern, niedrigem Gebüsch und gefrorenen Felsen hindurch. Clara sank mit jedem Schritt tiefer ein. Elias, obwohl verwundet, bewegte sich wie ein Mann, dessen Knochen den Berg kannten. Immer wieder blieb er stehen und reichte ihr die Hand. Zuerst nahm Clara sie nicht.
Dann doch.
Nicht aus Schwäche.
Denn in dieser Nacht hatte sie erkannt, dass eine Hand anzunehmen nicht immer Aufgeben bedeutete.
Stimmen hallten hinter ihnen wider.
Mason hatte ihre Spuren gefunden.