Einfach so, in meinem Haus … Aber Daniel war schon drinnen. Oben erzählte Emilys Zimmer eine Geschichte, die der Vorgarten niemals hätte erzählen können. Spielzeug lag verstreut auf dem Boden, aber nicht, als hätte ein Kind damit gespielt. Eher, als wäre es hinausgeworfen worden. Eine Schublade hing schief. Die Bettwäsche war verdreht. An Emilys Arm, direkt unter dem Ärmel ihres Schlafanzugs, sah Maria dunkle, fingerförmige Blutergüsse. Sie kniete sich hin, bis sie auf Augenhöhe mit dem Mädchen war. „Emily“, sagte sie sanft, „kannst du mir erzählen, was passiert ist?“ Das Mädchen drückte das Kaninchen so fest an ihre Brust, dass ihre Knöchel weiß wurden. Ihr Blick huschte zum Flur, wo Daniel Thomas festhielt. Dann flüsterte sie die Worte, die alles veränderten. „Er hat gesagt, wenn ich es ihm erzähle … bringt er mich um.“ Thomas erhob sofort die Stimme. „Sie weiß nicht, was sie sagt. Sie ist verwirrt. Sie hat Albträume …“ „Dreh dich um!“, zischte Daniel. Zum ersten Mal war Thomas’ Fassung wie weggeblasen. Maria fixierte Emily mit ihrem Blick. „Hat er dir letzte Nacht wehgetan?“ Emily nickte leicht. Dann wanderte ihr Blick über Marias Schulter. Am Ende des Flurs stand ein schmaler Schrank. Auf den ersten Blick wirkte er unscheinbar. Dann bemerkte Maria den Messingbolzen, der außen angeschraubt war.
Claire hielt den Jungen am Reden.
„Emily, hör mir zu. Die Polizei ist unterwegs.“ „Sie kommen gleich.“
Ein leises Schluchzen drang aus dem Lautsprecher.
„Sie kommt hoch …“
Claires Herz pochte ihr bis zum Hals.
„Emily –“
Die Verbindung war unterbrochen.
Als Daniel und Maria sich dem Maplewood Drive näherten, wirkte die ganze Straße erschreckend normal. Die Verandalichter leuchteten hell auf dem gepflegten Rasen. Ein weißer Lattenzaun umgab das Haus. Im Garten stand eine Schaukel.
Es sah aus wie so ein Ort, wo Kinder ihre Fahrräder im Gras stehen ließen und Nachbarn sich Zucker liehen.
Genau das machte es so schlimm.
Maria klingelte zuerst.
Fünf Sekunden.
Zehn.
Dann öffnete sich die Tür.
Ein großer Mann in den Vierzigern stand da, in Jeans und grauem T-Shirt. Sein Gesichtsausdruck wirkte so ruhig, als sei er geübt.
„Gute Nacht, Beamte.“
Daniel fixierte ihn mit den Augen.
„Wir haben einen Notruf von dieser Adresse erhalten.“
Das Gesicht des Mannes bewegte sich kaum.
„Da hat wohl jemand einen Fehler gemacht.“
„Ein kleines Mädchen hat angerufen“, sagte Daniel.
In diesem Moment sah Maria ihn.
Es dauerte weniger als eine Sekunde. Ein kurzes Aufblitzen in ihren Augen. Keine Verwirrung.
Erkennen.
„Meine Tochter schläft“, sagte der Mann schnell. „Ich bin Thomas Miller.“
Dann, von der Treppe hinter ihm, ertönte ein kaum hörbares Geräusch.
Ein leises, unterdrücktes Schluchzen.
Alle drei drehten sich um.
Ein Mädchen stand in einem rosa Schlafanzug auf halber Treppe und umklammerte einen alten Stoffhasen so fest, dass sich dessen Ohr in ihrer Faust verhakt hatte. Sie sah etwa acht Jahre alt aus. Ihr Gesicht war vom Weinen geschwollen. Ihre Hände zitterten.
Und sie wollte ihren Vater nicht ansehen.
„Papa …“, flüsterte sie.
Das genügte Maria.
Sie trat durch die Tür.
Thomas stellte sich ihr in den Weg.
„Du kommst nicht in mein Haus …“ – Haus und Garten
Aber Daniel war schon drinnen.