TEIL 1
María war 17 Jahre alt. Ihre Seele war von unsichtbaren Narben gezeichnet, die viel mehr schmerzten als körperliche Schläge. Sie lebte in einer elenden Hütte in einem vergessenen Winkel des Bundesstaates Hidalgo, einer Geisterstadt, in der die Sonne auf die ausgedörrte Erde brannte. Dort zogen es die Menschen vor, ihre Türen fest zu verschließen und sich abzuwenden, anstatt sich in die Streitereien ihrer Nachbarn einzumischen.
Für Ernesto und Clara, ihre vermeintlichen Eltern, war sie keine Tochter, sondern ein lästiges Ärgernis, das sie nur widerwillig duldeten. In diesem Haus mit grauen Wänden und Blechdach war das Wort „Familie“ ein grausamer Hohn, ein schlechter Witz. Ernesto war ein vom Laster besessener Mann, der jeden Morgen nach warmem Bier und billigem Mezcal roch.
Schon das Geräusch der quietschenden Reifen seines alten Lasters auf der unbefestigten Straße ließ der jungen Frau den Magen vor Entsetzen zusammenzucken. Clara hingegen hatte eine Zunge schärfer als eine frisch geschärfte Machete und ein Herz aus Stein. „Im Ernst, du bist ja nicht mal zum Atmen gut, du nutzloses Ding“, spuckte sie ihr jeden Tag entgegen.
Sie zwang sie, die Zementböden zu schrubben, bis ihre Knöchel bluteten, und behandelte sie schlimmer als einen streunenden Hund. María lernte, sich zurückzuziehen, still zu sein und ihre Tränen zu unterdrücken, um den Zorn dieser beiden skrupellosen Monster nicht zu provozieren. Die Schläge, die sie ihr verpassten, waren an der Tagesordnung, doch selbst mitten im Sommer trug sie immer langärmlige Pullover, um die blauen Flecken zu verdecken.
Das ganze Dorf wusste, was in diesem Haus vor sich ging, aber niemand rührte einen Finger, um ihr zu helfen. „Das Mädchen ist deren Problem, misch dich da nicht ein“, sagten die Tratschtanten auf dem Markt, während sie ihr Gemüse kauften. Der einzige Zufluchtsort der jungen Frau waren ein paar zerfledderte Bücher, die sie aus dem Müll gefischt hatte, um diesem Albtraum gedanklich zu entfliehen.
Doch ihr verfluchtes Schicksal nahm an einem unerträglich heißen Dienstag im April eine brutale und makabre Wendung. María kniete in der Küche und schrubbte zum dritten Mal an diesem Tag den Schmutz, weil Clara den Glanz nicht mochte. Plötzlich klapperte die Holztür mit einem scharfen Knall, so laut, als würde sie gleich aus der Tür getreten.
Ernesto stürmte herein und stand einem riesigen Mann in feinen, staubigen Cowboystiefeln gegenüber. Er trug eine schwere Lederjacke und einen dunklen Stetson-Hut, unter dem sich ein eiskalter Blick verbarg. Es war Don Ramón Salgado, ein gefürchteter Rancher, unermesslich reich und in der gesamten Sierra de Real del Monte hoch angesehen.
Man sagte, er habe seit seiner Verwitwung vor vielen Jahren ein Herz aus Stein. „Ich bin wegen des Mädchens gekommen“, platzte er mit heiserer Stimme heraus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Seine dunklen Augen fixierten Marias kleine, zitternde Gestalt. Clara stieß ein nervöses, spöttisches Lachen aus und rückte ihre schmutzige Schürze zurecht.
„Wegen des kleinen Görs? Aber sie ist so dünn und frisst wie ein Scheunendrescher, die wird dir doch nichts nützen!“ Don Ramón zuckte nicht mit der Wimper, griff in seine Jackentasche und zog einen dicken Stapel Geldscheine hervor, zusammengebunden mit einem Gummiband. „Ich brauche dringend Hände für die schwere Arbeit. Ich zahle bar, sofort“, erklärte er und warf das Geld auf den wackeligen Tisch.
Ernestos Augen glänzten vor kranker Gier, jede Spur von Anstand war ihm abhandengekommen. Mit zitternden, schmutzigen Fingern zählte er die 500-Peso-Scheine und verkaufte die junge Frau, als wäre sie ein einfacher Sack Kartoffeln. „Komm schon, pack deine Sachen und verschwinde, blamier uns nicht!“, schrie sie und stieß sie heftig weg.
María stopfte zwei abgetragene Hosen und ein altes Buch in eine Segeltuchtasche und fühlte sich, als ginge die Welt unter. Clara stand nicht einmal von dem verblichenen Plastikstuhl auf, um sie zum Abschied zu umarmen. „Tschüss, Last. Mal sehen, ob du dir da drüben deinen Lebensunterhalt verdienen kannst“, murmelte die Frau mit einem boshaften Lächeln.
Die Fahrt im alten Rancher-Truck war für die arme junge Frau eine unerträgliche psychische Folter. María kauerte in der Ecke des Beifahrersitzes, ballte die Fäuste und weinte leise. Was in aller Welt wollte ein reicher alter Mann mit einem 17-jährigen Mädchen, das niemanden auf der Welt hatte?
Sie kamen an der imposanten Hacienda Los Encinos an, einem weitläufigen Anwesen, das nach frischem Kiefernholz und in einem Tontopf gebrühtem Kaffee roch. Alles war makellos, lichtdurchflutet, mit edlen Möbeln und einem knisternden Kamin am anderen Ende des riesigen Wohnzimmers. Don Ramón bedeutete ihr, in einem schweren, teuren Ledersessel Platz zu nehmen, ohne sie dabei lüstern oder verächtlich anzusehen.
Der alte Mann seufzte tief und zog einen sehr alten, vergilbten Umschlag mit rotem Wachssiegel aus seinem Mantel. Er legte ihn auf den Couchtisch und sah ihr mit furchterregender Intensität in die Augen. „Ich habe dich nicht für die Küche gekauft und auch nicht, um dich auszubeuten, Mädchen … öffne ihn, denn die Lüge, in der du gelebt hast, endet heute.“ Küche und Esszimmer